„Für neue Chancen, von alten Dingen verabschieden.“

30. April 2010 – 14:12

Berthold L. Flöper spricht über Gefahren, Visionen und den Nachwuchs im Lokaljournalismus.

Die Bundeszentrale für politische Bildung – 1952 gegründet – hat sich zur Aufgabe gemacht das politische Verständnis der Deutschen zu fördern, das Demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zum politischen Mitdenken zu stärken. Dafür arbeitet die staatliche Einrichtung in mehreren Medienzentren und Aufgabenbereichen in Bonn und Berlin.
Einer dieser Bereiche ist das Lokaljournalistenprogramm. Es umfasst Weiterbildung für Redakteure, Service für Redaktionen und Angebote für das Lokale, denn: „Je besser die Tageszeitung, desto besser „funktioniert“ die Demokratie – das ist die Philosophie dieses Programms. Alles, was die Qualität der Tageszeitung im weiten Bereich der Politikberichterstattung fördert, dient der politischen Bildung. Die Demokratie braucht den informierten, orientierten und handlungsbereiten Bürger“, sagt Berthold L. Flöper Leiter des Programms auf drehscheibe.org – einem Forum der bpb für Lokaljournalisten. Mit uns spricht er über seine Arbeit und die Zukunft des Lokaljournalismus.

-Im Dialog mit Menschen-

Berthold Flöpers Interesse für den Journalismus wurde geweckt durch eine kleine Jugendseite in der Wochenzeitung seiner Heimatstadt in der Nähe von Iserlohn. Nach seinem Abitur trat er daher ein Volontariat bei der Westfalenpost an, arbeitete für den Bonner Generalanzeiger, war Pressesprecher einer Düsseldorfer Firma und studierte schließlich noch erfolgreich Betriebswirtschaft. Nach seinem Studium baute er ein Pressebüro für Kinder- und Jugendzeitschriften auf, befasste sich stark mit PR und arbeitete als Redakteur für den „Journalist“ – die Zeitschrift des Deutschen Journalistenverbandes. Schließlich entdeckte ihn die Bundeszentrale für politische Bildung wo er nun seit mehreren Jahrzehnten das Lokaljournalistenprogramm leitet. Die Freude an seinem jetzigen Posten zieht er aus dem Aspekt „für das Land mit der größten Medienlandschaft innerhalb Europas“ mit Menschen im Dialog zu sein, Bildung zu fördern und gutes im Lokaljournalismus zu bewegen.

Durch die Unabhängigkeit der Bundeszentrale, ergibt sich ein Alleinstellungsmerkmal zwischen den vielen Anbietern auf dem deutschen Markt, was eine hohe Akzeptanz der Redakteure bewirkt. Durch Modellseminare und die hohe Praxisnähe erhält sein Projekt durchgängig positive Rückmeldungen und wird sehr gut angenommen. Für Lokalredakteure bedeuten die Seminare, ihre gewohnte Umgebung in der Redaktion für eine Woche verlassen zu können um sich in Arbeitsgruppen und Expertenvorträgen für neue Dinge öffnen zu können.

-Weg von den Menschen-

Doch wie sieht der Markt des Lokaljournalismus überhaupt aus? Gibt es Ängste  und Bewegungen? „Man kann schon sagen, dass ein Umbruch herrscht und das sogar sehr dramatisch“, sagt uns Berthold Flöper. „Die Verunsicherung Zukunft ist sicherlich vorhanden, denn es ist in den letzten Jahren viel passiert in Sachen Workflow und Drucktechnik. Es werden Newsdesks eingerichtet, man steigt auf farbig gedruckte Bilder um und ganze Arbeitsprozesse ändern sich völlig. So drehen sich auch immer stärker die Einnahmen von Vertrieb in Richtung Werbung und es wird noch deutlicher werden.“

Die amerikanische Entwicklung zum Editor-Reporter Modell, also einer ist draußen – ein anderer in der Redaktion, ist in Deutschland ebenfalls immer häufiger zu beobachten. Es gibt die Tendenz vom Rückzug der Journalisten von den Menschen weg, in die Redaktionen. Raus aus der Stadt, rein in den Verlag. Darunter leidet die Qualität. Durch den Wegfall von Zeitungen sind zu wenige Wettbewerber in der Fläche vorhanden, was eine große politische Gefahr bedeutet. Es ist außerdem zu erwarten, dass lokale Blogger ihre Chance sehen und immer stärker werden. „Das wird aber die Zeit zeigen“, meint Flöper.

- Menschen die Welt erklären-

Aber gibt es auch Visionen? Die Hoffnung stirbt doch bekanntlich zuletzt? „Ja! Doch dafür muss man sich öffnen. Für neue Chancen muss man sich von alten Dingen verabschieden. Zum Beispiel die Klagen über Vereinsberichte in den Zeitungen – diese könnten aus der Printausgabe verschwinden und Online mit mehr Liebe zum Detail gebracht werden. So kann man spezielle Themen setzen und mit mehr Tiefe herausbringen.“
Es ist also wichtig, für alle Generationen von Lesern, die Kultur des Lesens weiter zu fördern. Es muss wieder ein richtiger Hintergrund geboten werden mit journalistisch guter Recherche. Dafür ist der Leser bereit zu zahlen, auch wenn dies zukünftig vielleicht nur noch in kleineren Auflagen möglich ist. Die Chance ist vorhanden.

„Ich wünsche mir weniger Termine für Journalisten, dafür aber mehr Zeit für gute Recherche und somit eine gesteigerte Qualität. Der Journalist braucht wieder mehr Nähe zum Menschen, denn er ‚erklärt‘ den Menschen die Welt. Auch das finanzielle Auskommen ist ein Punkt. Eine freie Presse mit vielen Leitmedien, ein buntes Bild der Medienlandschaft, fördert die Zukunft“, erklärt Flöper.

-Menschen der Zukunft-

Ein weiterer Punkt, für eine glänzende Zukunft ist das Thema Ausbildung. Wie werden journalistische Studiengänge hinsichtlich Volontariate bewertet? Welche Chancen herrschen auf dem freien Markt? Quereinsteiger gibt es kaum noch, für viele Volontariate benötigt man ein abgeschlossenes Studium. Die Qualität eines Volontariates hängt maßgeblich von dem Verlag ab. Wer nicht rauskommt, kann nichts lernen. In Sachen Studiengängen hat Berthold Flöper den Überblick verloren. „Wichtig ist ein hoher Praxisbezug und tolle Projekte. Professoren mit Kontakt zu großen Namen und Firmen um diese Projekte zu realisieren. Aber auch Abschlussarbeiten die sich nicht mit einem Presseskandal in vergangen Jahrzehnten beschäftigen, sondern zum Beispiel die aktuelle Frage beleuchten – Was heißt Lokaljournalismus eigentlich im Onlinebereich?“

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