Die CDU sieht Rot!
14. Mai 2010 – 00:16
Wie dramatisch war es doch am Sonntagabend, kurz nach Sechs, als die erste Prognose der NRW-Wahl über den Äther flimmerte. Mit dem bekannt werden der Zahlen für die CDU, wurde für einen kurzen Moment die Stimmung der WM Auslosung wiedererweckt, als Gastgeber Südafrika die Vize-Weltmeister Frankreich und Zweimal-Champion Urugay zugelost bekam. Minus zehn Prozent für Jürgen Rüttgers CDU – mit 34,6% das schlechteste Ergebnis aller Zeiten. Große Augen, Schockstarre und über dem Kopf zusammengeschlagene Hände – doch die Regie schneidet weiter zur Wahlparty der SPD: Jubel ist zu sehen, die Zahlen zeigen 34,5% – die SPD hat ausgeglichen. Weiter mit der FDP, frustrierte Gesichter und Kopfkratzen. Noch ein Schnitt folgt, Freudentänze sind zu sehen – die Grünen werden mit 12,1% zur drittstärksten Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland der BRD. Auch die Linken klatschen, ziehen sie mit 5,6% schon zweieinhalb Jahre nach ihrer Gründung, in den mittlerweile dreizehnten Landtag ein – ein Erfolg!
Ein verbissenes Spiel nahm abrupt sein Ende. Ein ausgemerkelt wirkender Jürgen Rüttgers, der Monate lang mit seinem Anti-Entscheidungs-Wahlkampf für stabile Verhältnisse in NRW mit Synchronisation zur Bundesebene warb und sich des Nachts schon als zukünftiger Bundespräsident in den Schlaf wog, wurde brutal ausgedribbelt. Hannelore Kraft – als „Fräulein Chancenlos“ und „Notlösung“ in das politische Spiel um den NRW-Pokal eingetreten, scheint alles richtig gemacht zu haben und schrieb sich das von Anfang an hinter den Vornamen. Im Wahlkampf warb sie damit, Nordrhein-Westfalen zu einem „Bollwerk“ gegen die bürgerliche Bundesregierung zu machen und schaffte es, ihre SPD wieder zu etablieren – wenn auch auf niedrigem Niveau.
Die FPD diskutiert derweil bereits offen von einer Spaltung in der Partei, so habe man im Vergleich zur Bundestagswahl mehr als die Hälfte der Zustimmung verloren und findet sich wohl in der Landtagsopposition als Cheerleader wieder. Ob der Einbruch, von einem biertrinkenden Interviewten als „Mindergewinn“ bezeichnet, auf bundespolitische Entscheidungen oder mitreisende Lebensgefährten zurückzuführen ist, wird sich in den nächsten Wochen sicher diskutiert sehen.
Eine andere Ecke der Wahlmannschaft feiert ebenfalls laut – die Grünen. Konnten sie ihr Ergebnis hinsichtlich der letzten Wahl verdoppeln. Während sich die Spitzenkandidatin des Landesverbandes Sylvia Löhrmann darauf freut „wieder richtig mitzumischen“, schreit Claudia Roth in Berlin in ihr Mikrofon „Dies ist der Anfang vom Ende von Schwarz-Gelb!“
Trotzdem dürfte es weiter spannend bleiben an Rhein und Ruhr, droht doch noch immer eine Patt-Situation. Denn Rot-Grün und Schwarz-Grün erreichen in beiden Konstellationen jeweils knapp 90 Sitze, was die absoluten Mehrheit knapp verfehlt. Der politische Transfermarkt ist eröffnet.
Doch wie schlimm steht es wirklich um die Tabellenspitze der letzten Bundestagswahl bei der vermuteten neuen rot-grünen Landesregierung? Jürgen Rückwärts konnte die Gerhard-Schröder-Denkzettelwähler von 2005 nicht genug überzeugen, erneut für ihn zu stimmen und auch die Diskussionen der FDP um Steuersenkungen, während Griechenland um Hilfe bettelt, kamen zur falschen Zeit. Eine Kanzlerin, die wie eine Getriebene einem weinenden Euro und der Angst um unsere stabile Währung hinterherrennt, anstatt sich mit eiserner Kraft diesen Problemen entgegenzustellen, hat ebenfalls wenig zur schwarzen Popularität in NRW beigetragen. Auf die heiße Dusche nach dem Spiel muss die Bundesregierung jetzt verzichten. Angela Merkel steht nun ohne Mehrheit im Bundesrat da und soll weitere drei Jahre erfolgreich weiterregieren. Für jede politische Entscheidung wird sie zukünftig die SPD mit in das Boot holen müssen. 225 Tage nach der letzten Bundestagswahl und einem großartigen Wahlsieg von Schwarz-Gelb regiert ab nun Schwarz-Gelb-Rot in Berlin.
Wo Joachim Löw um seinen Adler wegen eines Rippenbruchs bangen musste, sitzt Angela Merkel nun mit der SPD als Torhüter unter dem Bundesadler. Ob unsere Nationalmannschaft oder die Regierung mit dieser Situation erfolgreicher ist, wird sich zeigen. Zu wünschen ist der Sieg allen beiden.