Das Lokale lieben lernen: Eine Lektion
6. Juli 2010 – 17:56Die Sonne scheint noch zaghaft hinter den Häusern der Dieburger Fußgängerzone hervor, als ich mich an diesem Morgen mit Stift, Block und Kamera ausgerüstet auf den Weg mache. Ich studiere Online-Journalismus im zweiten Semester und beschäftige mich derzeit zum ersten Mal mit dem Thema Lokaljournalismus. Mein Plan an diesem Tag: Spontan-Portraits. Ein Experiment mit mir und den Bürgern Dieburgs. Die Augen offen halten nach interessanten Plätzen, Läden oder Menschen und den Leuten spontan tolle Geschichten entlocken. Das muss einfach gut gehen!
In einem Seminar rund um Recherche sagte ein Professor mal ein paar Sätze zu mir, die mich bis zu dem heutigen Tag voller Vorfreude prägen sollten: „Wählen Sie jeden Tag einen neuen Weg zu Ihrer Hochschule. Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt. Das ist es, was einen guten Journalisten ausmacht.“ Was mich letztendlich im beschaulichen Dieburg erwarten sollte, konnte ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen.
Ich beginne meine Tour an einem großen Parkplatz. Nachdem mein kleiner Studentenflitzer geparkt ist, schlendere ich über einen mit Bäumen bepflanzten Platz und meine Augen huschen über alles, was eine Geschichte hergeben könnte. Hier sitzen ältere Männer bei einem Kaffee in der Sonne und anderswo lädt ein Bauer riesige Kürbisse von einem Wagen in einen Hinterhof. Ich fühle mich gut und schlendere weiter. In der Nähe einer Kirche treffe ich einen älteren Herrn auf einem klapprigen Fahrrad. In dem Körbchen auf seinem Gepäckträger stapeln sich alte Zeitungen, ein Cowboyhut und Unmengen an Karotten. Das riecht förmlich nach Geschichten. Ich spreche den Mann an: „Verzeihung? Sie sind sicher Dieburger, nicht wahr?“. „Oh ja das bin ich, wie kann ich Ihnen helfen junger Mann?“, antwortet der ältere Mann. Prompt wittere ich meine Chance und beginne mein Projekt vorzustellen: Lokaljournalismus in das Internet bringen, interaktive Diskussion mit den Autoren über ihre Artikel, Studenten am Werk – ich laufe zu Höchstform auf. Plötzlich: „Ach wissen sie junger Mann, ich wohne eigentlich nebenan – in Münster. Machen sie es gut“, spricht er – steigt auf seinen Drahtesel und radelt davon. Was war das? Naja, vielleicht sollte ich an der Vorstellung des Projektes arbeiten. „Weiter geht’s“, denke ich mir. Erst mal warm werden.
Mein Weg führt mich weiter, zu einem kleinen Laden in der Fußgängerzone. Ein Mann in einem Anzug steht in der engen Tür zu dem Verkaufsraum. Große Schweißflecken zeichnen sich bis zu seinem Jackett durch und hinter ihm wird der Blick frei in einen Laden voller Stoff, Hüte und Kleinkram. Unordnung wo man hinsieht. Eine Perle, genau das habe ich gesucht. Ich zücke einen meiner Flyer und mache mich auf zu dem sympathisch scheinenden Mann. „Guten Tag ich komme von der BlogBurg.de, einem Projekt von Studenten rund um Dieburg und seine Geschichten und….“. „Ah ja sehr nett, lassen sie doch einen Flyer hier, ich schließe den Laden gerade“, fährt mir der Herr ins Wort. „Nun dann haben sie doch sicher einen Moment….“. Rumms – die Tür schließt sich vor mir und ich sehe ein weißes Schild mit der Aufschrift ‚Geschlossen‘ vor mir baumeln. Langsam macht sich Missmut in mir breit. Irgendetwas scheine ich falsch zu machen. Aber noch will ich nicht aufgeben.
Ich wandere weiter durch die Innenstadt. Schön es ist hier, bisher hatte ich das Hochschulgelände noch nicht wirklich verlassen. Ich sehe am Straßenrand einen Autohändler, der seine Autos mit einem grünen Lappen poliert. In meinem Kopf erscheinen sofort hunderte von Geschichten, die mir dieser Mann sicher erzählen könnte. Ich spreche ihn an, stelle mich vor. Das gewohnte Prozedere. Mich schauen daraufhin entsetzte Augen an. „Suchen sie negative Schlagzeilen oder was?“, werde ich gefragt. Ich verneine und erkläre auf eine andere Art, was ich gerade zu herauszufinden versuche. Die Stimmung kippt, wie ich es lange nicht mehr erlebt hatte. „Verschwinden sie oder ich rufe die Polizei, sie können das doch bei ihrer Hochschule machen und nicht hier im Ort!“, höre ich den Mann wettern. Ich packe meinen Flyer ein und verschwinde. In mir seufzt es. Langsam verliere ich die Freude.
Ein letzter Versuch, mittlerweile sind vier Stunden vergangen. Viele Passanten, einige Läden und eigentlich alle verweigerten mir bereits das Gespräch. Ich habe viel an meiner Ansprache gearbeitet. Etliche Versionen ausprobiert, doch entweder war da keine Zeit bei meinem Gegenüber, keine Lust oder sogar etwas Unfreundlichkeit. Auf dem Weg zurück zu meinem Auto, sehe ich einen kleinen Wohnwagen, dort werden Nummernschilder gepresst und verkauft. Zwei Damen mittleren Alters sitzen auf Klappstühlen davor und warten auf Kunden, neben ihnen ein alter Grill. Ich richte meine Haare mit der Hand und mache mich auf den Weg. „Guten Tag ich komme von der Blogburg.de“, spreche ich ein weiteres Mal meine mittlerweile perfektionierte Ansprache herunter. Die Damen sind sehr kooperativ, doch müssen sie zuerst ihren Chef um Erlaubnis fragen. Es folgt ein Telefonat, wie es demotivierender nicht sein könnte. Man deutet mir schon während des Redens an, dass mein Plan nicht aufgehen wird und spricht weiter über das gemeinsame Grillen am Samstag und ob man nicht Wurst mitbringen solle. Ich grummel in mich hinein und trete ohne ein einziges Interview den Rückweg zu meinem Auto an.
Kein guter Tag und trotzdem habe ich etwas gelernt. Auf dem Heimweg in meinem Auto kommt mir der Satz meines Professors wieder in den Kopf. Ich gehe nun mit offeneren Augen durch die Welt, ich habe den ersten Schritt zu einem guten Journalist gemacht und trainiert mich vorzustellen. Auch werde ich liebend gerne neue Wege zur Hochschule wählen, aber zukünftig mit ausgemachtem Termin und Ankündigung.
Ein Projekt-Text für www.dieblogburg.de
14 Kommentare zu “Das Lokale lieben lernen: Eine Lektion”
Vielleicht den umgekehrten Weg wählen: Erstmal Interesse zeigen und sehen, ob überhaupt eine Geschichte vorhanden ist. Wenn es dann wirklich interessant wird, kann man immer noch sagen, dass man es gerne aufschreiben möchte. Wenn die Person es dann doch nicht will, kann man es auch anonymisieren und in Literatur umwandeln…
Ansonsten hilft ein Blick ins Beliebtheitsranking der Berufe, um zu verstehen, warum die Leute so schlecht auf den jungen Journalisten zu sprechen waren.
geschrieben von pyrrhussieg am 07. Jul, 2010
Toller Bericht, da kann man sich leider sehr gut rein versetzen
geschrieben von Tobias Schmidt am 07. Jul, 2010
Ging mir bei meinen Spontan-Reportagen genauso. Und ich hab sowas manchmal jede Woche gemacht. Raus in “meine” Dörfer und Geschichten auftreiben. Manchmal rennste stundenlang rum wie ein Pest-Aussätziger, und die Leute wechseln schon 20 Meter vor Dir die Straßenseite, und manchmal kommste an jeder Straßenecke mit Menschen ins Gespräch. Gibt nun mal so Tage. Aber ich würd mich vom ersten Versuch nicht abschrecken lassen.
Und probier’s besser mal in einem kleineren Städtchen. Dieburg ist für sowas einfach zu groß.
geschrieben von Thomas Heck am 07. Jul, 2010
So ist Dieburg halt, remember Sommersemester 2005. (-; Viel Erfolg und Spaß noch!
geschrieben von Thomas Mrazek am 07. Jul, 2010
Zuviel Ansprache und die Leute sind weg. Erklären kann man später immer noch. Ganz ehrlich: Wenn du in der Fußgängerzone angesprochen wirst mit interessanten Fragen, bleibst du vielleicht stehen. Wenn sich dein Gegenüber ellenlang vorstellt, nun ja. Leider keine Zeit.
geschrieben von Philipp am 07. Jul, 2010
hachja, da müssen wir alle durch, durch alle fußgängerzonen um beim kleinen bürger von der straße zu recherchieren.
ich halte es da aber mit pyrrhussieg, erstmal mit den leuten reden und vertrauen aufbauen, bevor man über die eigene arbeit spricht. sonst denken die gleich, du willst ihnen irgendwas verkaufen. den typ mit dem cowboyhut hättste vielleicht erst auf die cowboyhüte ansprechen sollen, bevor du über dich und deine arbeit sprichst
geschrieben von fritz am 07. Jul, 2010
Erst reden, die Geschichte, finden, dann fragen.
Paradebeispiel dafür wie mans richtig macht: Gernstl
geschrieben von Alexander am 07. Jul, 2010
Haha – sehr lustig, aber so ist nunmal Lokaljournalismus. Ich habe auch Journalismus studiert, solche Erfahrungen habe ich aber schon vorher als freier Mitarbeiter beim Ortsblatt gemacht.
Das ist ganz normal so, das war auch schon immer so. Die Geschichten findet man trotzdem auf der Straße.
Leider – und das meine ich eigentlich gar nicht böse, obwohl es vielleicht so klingt – fürchte ich, dass Leute die “Online-Journalismus” studieren als Journalisten gar nicht mehr mit der Realität (und die findet man nunmal nur auf der Straße) konfrontiert werden.
Stattdessen wird irgendwie rumgebloggert, basierend auf Dingen, die man irgendwo geslesen hat oder die der Meinung des Autors entsprechen. Oder es wird nur in PR-organisierten- bzw. Bekanntschafts-Strukturen umherrecherchiert. Das ist ein ganz falscher Weg, finde ich. Dem Volk aufs Maul schauen, das funktioniert eben nicht in der Bloggosphäre oder im Social-Media-Quatsch. Das geht nur auf dem Marktplatz von Buxtehude.
Call me oldfashioned, aber ein echter Journalist muss in der Lage sein, seine Geschichten auf der Straße zu finden. Unter den ganz normalen, blöden Leuten da draußen. Das ist ein hartes Brot, wie der Kollege hier lernen musste. Aber genau darin besteht der Job.
Gruß
Andrew
geschrieben von Andrew am 07. Jul, 2010
Vielleicht liegt es auch am Namen und dass das Medium unbekannt ist? Vielleicht sollte man auch einen Fotografen (mit imponierender Kamera mitnehmen).
Dann wirkt man nicht ganz so wie ein Aboverkäufer.
Meine Erfahrung mit Straßenumfragen für kleine Wochenblättchen war jedenfalls, dass man am besten junge Reporterinnen losschickt. Die wirken harmloser als ein 100kg-Mann, der auf die Leute zuschreitet. Und Männer hören jungen Frauen erstmal zu
.
geschrieben von Marc am 07. Jul, 2010
Ich fürchte, Marc hat recht: Die Leute sind eben verdammt vorhersehbar. Und das macht keinen Unterschied, ob man in Dieburg ist oder in Berlin oder in Hintermwald. Dazu kommt: Sie mögen einfach keine Journalisten, sie haben Angst, sie sind skeptisch. Man muss also erst Vertrauen aufbauen – und dafür fehlt meist die Zeit. Die letzte Rettung ist entsprechend der tiefe Ausschnitt.
geschrieben von Zahnwart am 07. Jul, 2010
Nachdem ich schon fast 20 Jahre im Lokaljournalismus arbeite, will ich auch mal meinen Senf dazu geben.
1. Irgendwelche Leute auf der Straße ansprechen, ist nicht gerade seriös. Wenn geht dies nur mit einem konkreten Thema, das einige Vorrecherche voraussetzt. Die Menschen merken recht schnell, wenn man nicht genau weiß, was man will.
2. Besser erst ein Thema suchen. Dann herausfinden, wer darüber Auskunft geben kann. Am besten telefonisch einen Termin vereinbaren. Interesse und Sachkenntnis öffnen viele Türen.
3. Wer jemanden als Journalist in die Öffentlichkeit zerrt, sollte schon einen guten Grund haben.
4. Wer für eine örtliche Tageszeitung arbeitet, hat es natürlich leichter, da die Interviewten das Medium und im besten Fall die Namen der Redakteure kennen.
5. Wichtigster Punkt: Hört den Leuten zu und schreibt nicht auf was Ihr hören wollt.
Viel Spaß bei einem Job, der viel Zeit kostet, schlecht bezahlt wird, aber sehr viel Spaß macht.
geschrieben von tom am 08. Jul, 2010
Ich bin kein Journalist, aber verstehe einiges von Kommunikation und dieser Artikel zeigt Paradebeispiele, wie man Leute besser nicht ansprechen sollte.
Ein “Ich bin…” oder “Ich komme von…” ist generell kein empfehlenswerter Anfang, denn so sprechen die Leute Passanten an, die dringend ihre Flyer loswerden oder Spenden kassieren wollen. Menschen, die du auf der Straße triffst, sind meistens auf dem Weg irgendwohin. Wenn du jetzt kommst und anfängst denen zu erzählen, wer du bist, was erwartest du?
Man fängt besser (natürlich nach einer angemessenen Begrüßung) mit einer interessanten Frage an, am besten nach ihrer Meinung oder ihrem Willen. (Fast) jeder ist daran interessiert anderen seine Sicht der Dinge zu präsentieren.
Ich habe so schon viele Menschen für Themen interessiert, die sie normalerweise nie gestreift hätten.
geschrieben von VonFernSeher am 08. Jul, 2010
Bitte, bitte, bitte an den Dativ denken:
ich habe den ersten Schritt zu einem guten JournalistEN gemacht
Das wäre ein weiterer guter Schritt in die Richtung
geschrieben von Nicolas am 09. Jul, 2010
@VonFernSeher: Mich erinnert so einen Interviewpartnersuche immer an eine Raubkatze auf der Jagd. Wenn man aus dem Rudel (den Passanten) das Individuum raussicht, das nicht weglaufen kann.
Am besten kann man meiner Meinung nach Leute ansprechen, die gerade irgendwo warten. Oder Verkäufer in Läden oder an Ständen – die können nicht weg.
Über die richtigen ersten Worte kann man streiten, denn je nachdem was der Mensch schon mit Aboverkäufern, Spendensammlen, Mitgliederköderern und Drückerkolonnen kann er auf jede Eröffnung misstrauisch und ablehnend reagieren.
geschrieben von Marc am 11. Jul, 2010